Bilder vom Körper bilden den Ausgangspunkt des Prologs, der die Frage von Vollkommenheit und Unvollkommenheit spielerisch im Raum umsetzt. Zwischen sechs großen Altären der Vollkommenheit und 12 hohen Schränken des Archivs der Unvollkommenheit markiert der Gläserne Mensch die Scheidelinie zwischen Perfektion und Mängelhaftigkeit. Jede Kultur und jede Zeit definiert neu, welche Körper als vollkommen gelten sollen. Ausgehend von Bildern perfekter Körper wird über gesellschaftliche Inklusion und Exklusion entschieden. Körperformen, Beschaffenheit der Oberfläche, Ablauf der Bewegungen, Mimik: Immer wieder hat es Versuche gegeben, aus körperlichen Merkmalen wissenschaftliche, überprüfbare Kategorien einer Bewertung des Menschen abzuleiten. Immer sind sie gescheitert. Und dennoch gibt es eine Art Alltagssystem des visuellen Urteilens, das jeden Blick prägt. Jede »Musterung« des Gegenübers schließt dessen Klassifikation ein. Ausgehend von visuellen Signalen »machen wir uns ein Bild«.


Glaeserner_MenschGläserner Mensch
1962,Stiftung Deutsches Hygiene-Museum, Dresden

Das Leitobjekt des Deutschen Hygiene- Museums wurde 1930 anlässlich der II. InternationalenHygiene-Ausstellung in Dresden erstmals gezeigt. Als eine Ikone des 20. Jahrhunderts markierte der Gläserne Mensch den vorläufigen Höhepunkt einer Jahrhunderte alten Tradition der Sichtbarmachung der menschlichen Anatomie. Im Orantengestus betet der Gläserne Mensch seine eigene Perfektion und Perfektibilität an. In der Darstellung als funktionale,wohlgeformte, durchschau- und optimierbare Maschine liegt ein handlungleitendes Körperbild. Der Gläserne Mensch ist Abbild und er ist zugleich Modell der Optimierung des menschlichen Körpers.


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